Lady*Fest Innsbruck: theoretische Bausteine

 

Blitzlicht:

 

Ich wurde geboren und angerufen, ein Mädchen zu sein. Ich lernte eine Sprache und erfuhr und erfahre die Welt in dieser Sprache. Die Grammatik dieser Sprache zwang mich und damit meine Wahrnehmung und mein Denken, meine Umgebung in männlich, weiblich, neutral aufzuspalten.

Von klein auf wurde ich gezwungen, mein Gegenüber als weiblich oder männlich wahrzunehmen – auch wenn ich sonst nichts über die Person wusste. Tagtäglich, in unendlich vielen Situationen, musste und muss ich ein Geschlecht sein und haben. Ich zitiere, irritiere, parodiere, unterwandere Codes, Verhaltensweisen, die in unzähliger Weise geschlechtlich aufgeladen sind.

Geschlecht strukturiert grundlegend unsere Gesellschaftsform und mich als Individuum – greift ein in meinen Körper, mein Denken, mein Handeln – und dies weil es mir gesellschaftlich-kulturell vermittelt wird und wurde – nichts ist ‚an sich‘; was ist, sein kann, wird durch menschliches Handeln gemacht und mit Bedeutungen aufgeladen und erfahrbar gemacht.

Die Wahl, kein Geschlecht zu haben und zu sein, habe ich nicht.

 

1.    allgemeines

 

Jede Gesellschaft basiert auf einer symbolischen Ordnung. Unser Wahrnehmen, Denken und Fühlen von Dingen findet schon immer in diesem vorgegebenen symbolischen System und einer Sprache, die wir nicht gewählt haben, statt – ein Außerhalb davon ist nicht möglich. Das, was Menschen als Individuen sind, ist ein gesellschaftlich-kulturell und historisch bedingtes Sein und Werden.

 

Wir beziehen uns auf die erkenntnistheoretische Annahme, dass alles was wir wahrnehmen, denken, fühlen und wie wir handeln, immer schon von unserer Sprache, unserem kulturellen Symbolsystem bestimmt, über eine Verbindung von Wissen und Macht in Diskursen an uns vermittelt und daher gesellschaftlich hervorgebracht wird. Auch Natur und Biologie vermitteln sich uns in kulturellen Begriffen, so dass sie nicht ‚an sich’ sondern immer nur in Form von Bedeutung erfahrbar werden. [1]

 

Die westlich-bürgerlichen Gesellschaften sind als Herrschafts- und Zwangssysteme mit dualen Wertigkeiten (z.B.: Natur/Kultur, Frau/Mann, …) organisiert. Jacques Derrida bezeichnet diese Dualitäten als „gewaltsame Hierarchie“ und „konfliktgeladene und unterwerfende Struktur des Gegensatzes“[2]. Das Herrschaftssystem, in dem wir leben, arbeitet mit Ein- und Ausschlussmechanismen: man ist entweder das eine oder das andere.Wirwerden entweder unter dem einen oder anderen subsummiert, zugeteilt, an den einen oder anderen Ort verwiesen und positioniert. Ein sowohl als auch irritiert vorherrschende Wahrnehmungsmuster. Personen dürfen in den Strukturkategorien Geschlecht, Sexualität, … immer nur eins, ein ganzes sein – ein dazwischen ist in der symbolischen Ordnung, in der wir leben müssen und in unserer vorherrschenden Sprache schwer fassbar.

 

 

2.    Geschlecht als hegemonialer Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise

 

Andrea Maihofer versteht Geschlecht als hegemonialen Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise[3]. Sie ermöglicht somit zwei Dinge gleichzeitig zu denken:

 

Jede Gesellschaft basiert auf einer symbolischen Ordnung, in der es vorherrschende Diskurse gibt, von denen Individuen, ob sie wollen oder nicht, in ihrer Art und Weise zu sein, beeinflusst sind. Diese vorgegebene Ordnung ist aber nicht bloße Ideologie, sondern sie greift in unsere Körper, in unser Denken, in unsere Handlungen – wir existieren in den Kategorien, in den gesellschaftlich vorgegebenen Schablonen, „was nicht heißt, dass sie (Anm.: Individuen)  es je ‚authentisch’ täten“[4]. In diesem Begriff ist die „strukturelle Ebene individueller Existenz wie die je besondere Einzigartigkeit des Individuums präsent“[5]. Sie formuliert mit diesen Begrifflichkeiten ein Verständnis von gesellschaftlichen Strukturkategorien wie beispielsweise Geschlecht als historisch bestimmte Denk-, Gefühls- und Körperpraxis, also einer historisch bestimmten gesellschaftlich-kulturellen Existenzweise.[6]

 

Jedes Individuum ist ein Puzzle aus verschiedensten sie_ihn berührenden und durchdringenden Diskursen, deren Wirkungsmächtigkeit je nach Person und Situation unterschiedlich ist und/oder sein kann. Jedes Individuum ist von Strukturkategorien betroffen, dies aber in unterschiedlichem Ausmaß.

 

 

3.    Vielfältige Lebensweisen

 

Mit dem Begriff „vielfältige Lebensweisen“ möchte Jutta Hartmann Uneindeutigkeiten begrifflich markieren und kritisch Einspruch erheben, gegen die Tendenz, dass Identitäten als eindeutig, als sich linear zu einer „reifen“ Form entwickelnd und dann immer gleich bleibend, begriffen  werden. Wir sind gezwungen, in Dualitäten zu denken, doch können wir innerhalb dieses Denksystems den Blick auf das Fließende im Unterschied zum Festen und Fertig  geformten richten und Identität als Prozess begreifen, in dem es Möglichkeiten zur Verschiebung und Neubedeutung gibt. Wir können uns in unserem Denken in den Raum zwischen den Polen begeben und von dieser Position aus, in diesem Sammelsurium an möglichen Lebensweisen, Vielfalt wertschätzend von der Vielfalt aus denken[7], wobei wir immer die Chance haben, auf uns Unbekanntes zu treffen, da Vielfalt weder vollständig erfasst noch vollständig entfaltet werden kann[8].

 

Blitzlicht:

 

Auf der Homepage von TransInterQueer ist in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Identitäten zu lesen: „Wir demonstrieren mit Wut gegen ein Gesellschaftssystem, in dem prinzipiell nur Männer und Frauen wahrgenommen und alle anderen Geschlechtlichkeiten unsichtbar gemacht werden. (…) Wir demonstrieren für ein besseres, freieres Leben, in einer Gesellschaft, in der alle so leben dürfen, wie sie es wünschen – ob Trans*, weder*noch, Crossdresser_innen, Transvestit_innen, Transsexuelle, Transidentische, Intersexuelle, Transen, Tunten, Zwitter, Dragkings und Transgender, ob mit OP(s) oder ohne, hetero oder homo, oder sonstwie, mit einem oder mehreren Partner_innen, mit Kindern oder ohne …“[9]

 

Wenn wir uns also in diesen Raum zwischen den Differenzen begeben, machen wir auch die Pole beweglich. Wir nehmen ihnen ihre Wesenhaftigkeit, die zur Legitimation von Hierarchien und zur Festschreibung von Normalitäten dient. Wir begeben uns in einen Raum, in der Differenz unter „formal Gleichen“[10] möglich ist und setzen uns mit den Denk- und Handlungsmöglichkeiten dekonstruktivistischer Herrschaftskritik dafür ein, dass dieser Raum wertschätzend belebt wird.

 

Die Struktur der dekonstruktivistischen Analyse beschreibt Jutta Hartmann folgendermaßen:

 

Ziel der Dekonstruktion ist daher ein Infragestellen und Aufweichen von dichotomen Kategorien und den damit einher gehenden starren Identitätsvorstellungen. Ziel ist es, vorherrschende Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten zu irritieren und nach dem jeweils Ausgeschlossenen zu fragen. Dekonstruktion versucht durch Eingriff in vorherrschende Konstruktionsmechanismen eine Verschiebung von Bedeutungen zu initiieren. Dabei werden die bisherigen Begriffe nicht aufgegeben, ihnen jedoch ihre Selbstverständlichkeit genommen.[11]

 

So wird in postkolonialen[12] und dekonstruktivistischen

 

(...) Überlegungen zu „queer“, „Hybridität“ und dem „dritten Raum“ (...) das Leben in der Schwebe zwischen verschiedenen Positionen, die Uneindeutigkeit und Vieldeutigkeit, die Vermischung und Kreuzung mehrerer Geschichten und Kontexte sowie das mühevolle Ringen um Vermittlung betont.[13]

 

 

4.    Lady*Fest Innsbruck

 

Mit dem Lady*Fest wollen wir

 

      Räume und Möglichkeiten schaffen,  in denen Präsentation, Auseinandersetzung und Diskussion von queeren und feministischen Theorien und Praxen stattfindet und ein kreativer, lustvoller Umgang damit gefördert wird,

      Rahmenbedingungen schaffen, in denen Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen geschlechtlichen und sexuellen Identitäten und Existenzweisen stattfinden,

      Kultur- und Kunstschaffenden Frauen*, Lesben*, Inter* und Trans* Plattformen bieten,

      Räume schaffen, in denen die Parameter Wertschätzung, Respekt, Anerkennung, Fairness, Begegnung und Auseinandersetzung sind.

 

Lady*Fest Innsbruck ist für uns eine politische Intervention und eine Möglichkeit, um uns gegen die alltäglichen Zumutungen einer patriarchalen, heterosexistischen Gesellschaft zu verbünden, uns auszutauschen und Gegenstrategien zu finden, um Räume zu schaffen, in denen wir Vielfalt und Uneindeutigkeiten feiern können.

 

 

Love, Peace and the utter destruction of the hegemonic patriarchal hetereosexist white supremacist capitalist regime!

 

 

 

Literatur:

 

Viele Bausteine des Textes stammen aus der folgenden Diplomarbeit: Dekitsch, Erika (2006): „Vielfältige Comicwelten. Konstruktionen und Dekonstruktionen von Geschlecht, Sexualität und Underground in Independent-Comics“, Universität Innsbruck

 

Derrida, Jacques (1986): Positionen. Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine, Guy Scarpettea (Band 8), Wien

 

Hartmann, Jutta (2002): Vielfältige Lebensweisen. Dynamisierungen in der Triade Geschlecht – Sexualität – Lebensform. Kritisch-dekonstruktivistische Perspektiven in der Pädagogik. Leske + Budrich, Opladen

 

Hartmann, Jutta: „Vielfältige Lebensweisen transdiskursiv. Zur Relevanz dekonstruktivistischer Perspektiven in Pädagogik und Sozialer Arbeit“ In: Hartmann, Jutta (2004) Hg.in: Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationendiskurs, studia Verlag, Innsbruck

 

Maihofer, Andrea: „Geschlecht als hegemonialer Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise. Neuere Überlegungen auf dem Weg zu einer kritischen Theorie der Geschlechter“ In: Hartmann, Jutta (2004) Hg.in: Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationendiskurs, studia Verlag, Innsbruck

 

Maihofer, Andrea (1995): Geschlecht als Existenzweise. Ulrike Helmer Verlag, Frankfurt am Main

 

Maldoner-Jäger, Barbara (2008): Baustelle. Betreten erbeten! Feministisch-queere Raumkonstruktionen am Beispiel von Ladyfest Wien, Universität Innsbruck

 

Tuider, Elisabeth (2004): Identitätskonstruktionen durchkreuzen. Queer – Hybridität – Differenz in der Sexualpädagogik. In: Hartmann, Jutta (2004) Hg.in: Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationendiskurs, studia Verlag, Innsbruck

 

www.transinterqueer.org

 



[1]vgl. Hartmann 2004:26

 

[2]Derrida 1986: 88

 

[3]Maihofer versteht im Anschluss an  Foucault unter Diskurse „Denk-, Gefühls- und Handlungsweisen, Körperpraxen, Wissens(chafts)formen, Institutionen, gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Naturverhältnisse, Kunst, Architektur, innere Struktur von Räumen etc. Meist sind Diskurse eine Kombination von alldem. (...) Manche Diskurse können von globaler Bedeutung sein und in einer Gesellschaft oder gesellschaftsübergreifend dominieren, andere hingegen sind unter Umständen bloß lokal, nur für eine Gruppe oder lediglich für ein Individuum relevant.“ Maihofer 1995:80f Innerhalb eines Diskurses oder einer Diskursformation gibt es eine gemeinsame innere Logik, strukturelle Ähnlichkeiten, gemeinsame zentrale Topi – zeitgleich kann es Eigenlogiken, Überschneidungen und Überlappungen, historische Ungleichzeitigkeiten, Auseinandersetzungen und Widersprüche geben.

 

[4]Maihofer 2004:38

 

[5]Maihofer 1995: 85

 

[6]vgl. Maihofer 1995:18

 

[7]vgl. Hartmann 2004:30

 

[8]vgl. Hartmann 2002:29

 

[9]www.transinterqueer.org

 

[10]Hartmann 2004:31

 

[11]Hartmann 2004: 18

 

[12]Postkoloniale Forschungsansätze beschäftigen sich mit vergangenen und gegenwärtigen Identitätskonstruktionen, die in der kolonialen Vergangenheit wurzeln und nach wie vor präsent sind, beispielsweise in Form von Fremdzuschreibungen, institutionalisierten (Neo-)Rassismen, den Identitätskategorien von kolonialisierten und kolonialisierenden Subjekten als gesellschaftliche Strukturkategorien. Vgl. Maldoner-Jäger (2008): 21

 

[13]Tuider 2004:181